Ende Oktober 2026 konnte ich mir einen kleinen Traum erfüllen und eine sehr gut erhaltene – und frisch gewartete – Rolleiflex 3.5B von etwa 1954 bei Kamerastore.com in Finnland erstehen. Die Rolleiflex ist meine erste eigene analoge Mittelformatkamera. Am 6. November spielte dann auch das Wetter mit, sodass bei gerade einmal zwei Grad Außentemperatur ein kleiner Ausflug zum Sonnenaufgang möglich war, um die erste Rolle Ilford FP4 Plus zu belichten.
Die Kamera selbst ist genau so, wie ich sie mir erhofft hatte: äußerlich extrem gut erhalten, und auch die Technik funktionierte nach dem Auspacken und Testen zunächst einwandfrei. Dank des mitgenommenen Belichtungsmessers (Sekonic L-208 Twinmate) und etwas Bodennebel zum Sonnenaufgang sind hoffentlich auch ein paar schöne Motive auf der Rolle gelandet. Nichts Besonderes, aber für den ersten Testlauf sicherlich mehr als ausreichend gute Bedingungen. Die Beispielfotos hier vermitteln einen Eindruck, stammen aber leider noch nicht aus der Rolleiflex:
Wo die ersten Filmrollen zum Entwickeln landen – und ob ich mit meinem Valoi easy35 und einer Canon selbst scanne, wie bisher beim Kleinbild – ist für mich noch offen. Denn leider wäre dafür ein neues Valoi-System nötig.
Eine Auffälligkeit gab es dennoch, scheinbar der Kälte geschuldet. Der Selbstauslöser der Rolleiflex 3.5B hat nach den ersten Fotos aufgehört, die Kamera tatsächlich auszulösen: Das Vorlaufwerk läuft weiterhin etwa zehn Sekunden lang und endet mit einem hörbaren Klicken, allerdings öffnet sich der Verschluss nicht. Auch die Filmtransportkurbel bleibt gesperrt. Wenn anschließend der manuelle Auslöser betätigt wird, hört man beim ersten leichten Drücken ein leises Klicken. Erst beim vollständigen Durchdrücken erfolgt die normale Auslösung des Verschlusses. Danach lässt sich auch der Film wieder weitertransportieren. Der normale Auslöser funktioniert einwandfrei. Das Problem scheint daher speziell mit der Mechanik des Selbstauslösers zusammenzuhängen.
Auslöser für das Problem war wohl die Kälte, denn nach etwas Aufwärmen zu Hause – und einer ersten »Garantiepanik« – funktionierte auch der Selbstauslöser wieder. Eventuell haben die Schmierstoffe die Kälte nicht besonders gut vertragen. So zumindest die Hoffnung. Ein allgemeines Problem mit der Kamera wäre natürlich lästig.
Denn die Kamera macht einfach unglaublich viel Spaß und ist ein schönes Gegengewicht zu Dingen wie KI-Autofokus und genereller digitaler Bildperfektion und Schärfe. Und genau das war auch der Grund, meine Analog-Sammlung um die erste Mittelformatkamera zu erweitern.
Allein schon die selbst gewählte Einschränkung, nur eine Rolle Film mitzunehmen und damit eben nur zwölf Fotos zur Verfügung zu haben. Also bewusster und entschleunigter fotografieren, das Stativ einfach auch mal 15 Minuten stehen lassen und nicht nur durch den Sucher schauen, sondern auch mal Landschaft und Nebel genießen. Nach dem Kälteproblem mit der Rolleiflex packe ich diese zukünftig aber vor der 15-minütigen Auszeit lieber wieder in den wärmeren Rucksack.
Und genau das sind meine Erwartungen an die Rolleiflex: Entschleunigung, keine perfekte Objektivschärfe, die eine oder andere Bildstörung, endlich wieder Quadrate, ein bisschen Staub und Kratzer auf den entwickelten Fotos. Und ich werde sicherlich auch öfter mal die Fokussierung verhauen oder aus Versehen die ISO am Belichtungsmesser verstellen und später darüber fluchen. So wie direkt bei der ersten Rolle.